Seinen neuen Blogtext bei Medium betitelte der Tech Futurist Michael K. Spencer mit Chinese Facial Recognition Will Take over the World in 2019. Keine übertriebene Behauptung finde ich. Über die Vormacht China in der Anwendung der künstlichen neuronalen Netze habe ich mir schon öfter Gedanken gemacht.

Chinesische StartUps SenseTime und Face++ sind weltführend in der Gesichtserkennung mit Künstliche-Intelligenz-Programmen (künstlichen neuronalen Netzen). Das chinesische Sky Net kann in China auf 170 Millionen Kameras zugreifen, in 3 Sekunden kann es jedes Gesicht identifizieren, und das viel besser, als es Gesichtserkennungs-Programme von Google und Facebook bewerkstelligen können. Bis 2020 werden in China 400 Millionen Kameras installiert sein.

Die chinesischen Apps SenseTime und Face++ scheinen sehr effizient zu arbeiten. Sie sind für „rassistische“ Bias nicht so anfällig, wie das Gesichtserkennungs-System von Google zum Beispiel, das mal ein schwarzes Pärchen als Gorillas bezeichnete. Deswegen fangen jetzt auch Organisationen und Firmen im Westen die chinesischen Überwachungssysteme zu installieren, zum Beispiel die New Yorker Polizei.

Zwingt jetzt China dem westlichen Turbo-Kapitalismus ihre Ethik auf?
Und ihre Art des Datenschutzes? Durch ihre führend Rolle in der Anwendung von künstlicher Intelligenz? So wie Facebook und andere US-Plattformen uns in Europa die amerikanische Prüderie aufzwingen? Hollywood den Kitsch und McDonalds diese unsäglich weichen Brötchen ohne Geschmack?

Wie schon in einem anderen Blog-Beitrag hier erwähnt: Als ich einmal einen chinesischen KI-Forscher fragte, warum denn China langsam weltführend in künstlicher Intelligenz wird, hat er gelächelt und gesagt: „Wir haben die Daten!“

Für das Training von künstlichen neronalen Netzen (KNN) braucht man nun mal große Datensätze – die gibt es in China. Je weniger Datenschutz, umso größer die Datensätze, die der Regierung und den Firmen zur Verfügung stehen.

Uns bleibt nichts anderes übrig, als möglichst schnell die Erforschung und Entwicklung der künstlichen neuronalen Netze voranzutreiben und uns Gedanken zu machen, damit diese Systeme nicht missbraucht werden. Sonst wird diese Entwicklung von autoritären Systemen vorangetrieben. Wie absurd es auch ist, sogar Putin warnt davor: Wer bei künstlicher Intelligenz in Führung gehe, werde die Welt beherrschen.

KNN könnten uns helfen, die Erde besser zu machen, unsere Krankheiten zu besiegen, das Klima zu retten. Wenn wir aber wegschauen, wenn wir künstliche Intelligenz Menschen überlassen, die nur Geld und Macht häufen wollen, oder autoritären Regimes, können wir bald auf einer voll überwachten Erde hocken, von einem Überwachungssystem kontrolliert, von dem Orwell nicht einmal alpträumen konnte. Dann hilft das Wegschauen nicht mehr. Die Kameras sind überall – an Maschinen angeschlossen, die Dich auch erkennen, wenn du deinen Kopf in einen Kürbis steckst – an deinem Körper, an deinem Gang, an der Bewegung deiner Arme. Die KI-Programme können das.

Vielleicht würde dieses allgegenwärtige System die Alltagskriminalität abschaffen, doch auch das Tor breit öffnen für einen nie dagewesenen Machtmissbrauch. Wollen wir das?

Ich habe keine Angst vor HAL 9000 oder Terminator. Künstliche neuronale Netze können uns nicht versklaven. Nur Menschen können das – mit Hilfe der künstlichen neuronalen Netze.